
PROWO e.V. feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen.
Dieses Ereignis würdigten wir mit einem Fachtag zum Thema Beziehungsarbeit.
Der Fachtag fand am 27.09.2007 in den Räumen der Werkstatt der Kulturen in der Wissmannstraße in Berlin-Neukölln statt.
Die Veranstaltung bot MitarbeiterInnen aus allen Bereichen der psychiatrischen Versorgung und interessierter Fachöffentlichkeit Gelegenheit, in anregender und angenehmer Atmosphäre Vorträge zum Thema zu hören, sich in Workshops aktiv einzubringen und Kontakte zu pflegen.
Nach der Eröffnung durch Hannelore Helm einer Mitarbeiterin von PROWO e.V., die auch durch die Veranstaltung führte, begrüßten PROWO e.V. Helmut Elle und der Geschäftsführer von PROWO- LIS gGmbH Thomas Müller die Anwesenden und sprachen allen KollegeInnen aus Politik und kooperierenden Einrichtungen sowie den KlientenInnen ihren Dank für die gute Zusammenarbeit aus.
Neben der Freude über erzielte Erfolge wie z.B. neue Angebote in der Jugendhilfe, die größere Flexibilisierung des Trägers und die Realisierung überregionaler Be-treuungsplätze entgegen den aktuellen Trends in der Politik betonte Helmut Elle, dass es insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit Beziehungsgestaltung und die therapeutischen Qualitäten in der Beziehungsarbeit seien, worauf man bei PROWO e.V. stolz ist.
Thomas Müller gab einen kurzen Überblick über die bestehenden und die im Aufbau befindlichen Projekte in der Uckermark und wies auf wertvolle Synergieeffekte in der gemeinsamen Arbeit hin.
Anschließend erinnerte Elke Rodehüser, die Psychiatriekoordinatorin des Bezirks Kreuzberg/Friedrichshain, an den Beginn der Reformbewegungen in der psychiatrischen Versorgung Anfang der Siebziger Jahre und die Empfehlung der Enquete-Kommission, ein vielfältiges, in der Gemeinde verwurzeltes Angebot zu schaffen. In diesem Sinne sei PROWO e.V. immer wieder bereit, neue Wege zu beschreiten und die gemeinsame Arbeit kritisch und engagiert voranzutreiben.

Im Anschluss an Elke Rodehüser sprach Patrizia Di Tolla. Sie ist heute Referentin für Psychiatrie beim Paritätischen Berlin. 1982 war sie eine der ersten Mitarbeiterinnen, die im Rahmen des Modellprojekts Psychiatrie in Kreuzberg unter dem Dach der DGSP das „Projekt Wohngemeinschaft“ (heute PROWO e.V.) starteten. Sie stellte die Aufbruchszeit dar: viel Engagement, unglaublich hohe Ansprüche, im Selbstverständnis eine Provokation an die Kliniken, die durchaus im Namen anklingen sollte, die Verweigerung, eine Konzeption ohne Beteiligung der Klienten vorzulegen („heute würde man so nie eine Projektfinanzierung erreichen“) … Und von Anfang an standen Mensch und Beziehung im Mittelpunkt.
Ein unüberhörbarer intensiver Beitrag zum Thema kam von Michael Marschallek, einem ehemaligen Bewohner einer der Wohngemeinschaften, der ein selbstkomponiertes Lied über Beziehungslosigkeit vortrug und auf der E-Gitarre begleitete.
Klaus Novertné, Psychotherapeut und Hochschullehrer, wurde angekündigt mit seinem Ausspruch: „In einer Wohngemeinschaft kann man genauso viel Scheiße bauen wie in einer Klinik.“ Diese unangepasste, keiner Schule verpflichtete Grundhaltung zog sich durch seinen besonders lebendigen, teilweise sehr humorvollen Vortrag. Er rollte die dramatische und rasante Entwicklung in der psychiatrischen Arbeit in den letzten Jahrzehnten mit einer Fülle von interessanten Details und Überlegungen auf: angefangen bei den Missständen in den früheren Großkliniken – als studentischer Hilfspfleger war er selbst in einer solchen tätig gewesen und berichtete aus dem damaligen Arbeitsalltag- über die Psychiatrie-Enquete 1971/72 (abschließender Bericht 1975)- hier würdigte er u.a. besonders die Rolle von Professor Kaspar Kulenkampf, dem späteren Vorsitzenden der Expertenkommission – bis hin zur heutigen Situation, wo er sowohl für die Kliniken als auch für die von ihm so genannten Beziehungsarbeiter kritische Worte fand.
Pieter Hutz ist Supervisor, Analytiker und Organisationsberater und stellte in seinem sehr berührenden Vortrag Überlegungen an über die Beziehungsgestaltung in der therapeutischen Arbeit, die er als eine Suche nach Wahrheit umschrieb. Methodische Orientierung sei für eine gute Beziehungsarbeit von großer Wichtigkeit, wenn sie empathische Berührung ermöglicht und dazu dient, dass sich die Beziehung entfaltet. Auf der anderen Seite könne Methodik auch dazu benutzt werden, sich sein Gegenüber auf Abstand zu halten und das Nichtberührtwerden sicherzustellen, wie er am Beispiel der Genogrammarbeit im positiven wie im negativen Sinne eindrücklich verdeutlichte.
Dr. Gudrun Mörchen, Oberärztin am Vivantes Klinikum Neukölln in der Klinik für Psychiatrie, benutzte das Bild einer großen Verwandtschaft, die ein Familienfest feiert, wo sich alle kennen, aber doch nicht richtig kennen. Um die Klinik den Anwesenden genauer bekannt zu machen, stellte sie sie ausführlich mit ihren Strukturen und Schwerpunkten dar. Eine Besonderheit ist beispielsweise der Verzicht auf geschlossene Stationen. Lediglich in akuten Situationen werden einzelne Stationen zeitweise abgeschlossen.
Zwei kurze Filme boten Einsichten und Meinungen von Bewohnern aus den Wohngemeinschaften bzw. ein Interview mit den beiden Geschäftsführern.
Nach der Mittagspause fanden Workshops zu unterschiedlichen Fragestellungen statt.
Ein musikalischer Abschluss des Fachtages war der Auftritt des PROWO-Chors, bestehend aus KlienteInnen und MitarbeiterInnen.