Im Spannungsfeld zwischen Bindung und Trennung: das war das Thema des Fachtags zur Arbeit mit psychisch erkrankten Müttern und ihren Kindern, den Prowo e.V. am 24.01.2008 in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln veranstaltete. Professionellen wie Betroffenen wurde ein Forum geboten, um in einen Erfahrungsaustausch zu treten über die notwendigen Bedingungen für die Bewältigung von psychischer Erkrankung auf Seiten der Mutter und die Sicherstellung einer stabilen Basis für ein gesundes Leben auf Seiten des Kindes.


Ute Meybohm, die Geschäftsführerin der a.j.b. e.V., erinnerte in ihrer Begrüßungsrede an die Anfänge des Mutter-Kind-Projekts, das vor zwölf Jahren gemeinsam von den beiden Trägern a.j.b. und Prowo ins Leben gerufen wurde. Anlass waren konkrete Notsituationen: in beiden Einrichtungen waren psychisch kranke Frauen schwanger geworden, und es konnten ihnen keine adäquaten Hilfen in Aussicht gestellt werden, da kein entsprechendes Betreuungs- und Therapieangebot existierte. Gängige Praxis war bisher, dass die Frauen ihre Kinder abgeben mussten; oft mit der Folge, dass es zu erneuten Schwangerschaften mit dem gleichen Verlauf kam. Für diese Frauen sollte ein wirksames Unterstützungsangebot geschaffen werden.

Helmut Elle, der Geschäftsführer von Prowo e.V., stellte zunächst die Schwierigkeiten im Umgang mit den beiden sehr unterschiedlichen Hilfesystemen Eingliederungshilfe und Jugendhilfe dar. Erst durch die Ergänzung um die Ambulanten Hilfen sei es möglich geworden, passgenaue Hilfestrukturen aufzubauen. Mit einem Zitat von Ciompi, dass man den Grenzverletzungen in der Arbeit mit psychisch Kranken nicht als Einzelner begegnen könne, sondern dass es dafür eines Teams bedürfe, leitete er auf die Bedeutung des MitarbeiterInnenteams über. Um wie vieles mehr treffe dieser Satz auf die Arbeit mit psychisch erkrankten Müttern und ihren Kindern zu, wo der weitere Lebensweg von beiden-sei es durch Trennung oder durch das weitere Zusammenbleiben- so massiv beeinflusst werde.

Die Psychologin und Leiterin des Mutter-Kind-Projekts Sigrid Buck-Horstkotte hielt einen Vortrag zum Thema : Mütter auf Bewährung- Psychisch erkrankte Mütter und ihre Kinder zwischen Schutz und Konfrontation. Sie bezog sich auf die konkreten Erfahrungen im Mutter-Kind-Projekt. Diese Arbeit konfrontiere den Einzelnen und das Team mit überaus heftigen Gefühlen. Die aktuelle massive Zuspitzung und Polarisierung in der öffentlichen Diskussion in Bezug auf das Wohl von Kindern und die Situation ihrer Mütter spiegele die Spaltungstendenzen und Auseinandersetzungen im Team wieder. Mit einem Fallbeispiel, in dem sie sowohl auf die Situation der Mutter als auch auf die des Kindes einging, verdeutlichte sie eindrücklich das Spannungsfeld, in dem es stets gilt, den Schutz der Schwächsten –nämlich der Kinder- im Auge zu behalten. Eine sorgsame Commitmentarbeit sei gerade auch bei Müttern, die sich nicht freiwillig in diesen Betreuungsrahmen begäben, sondern unter dem Druck, ihr Kind zu verlieren, eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Mit den Frauen werde so umgegangen, wie diese mit ihren Kindern umgehen sollen: liebevoll, mit klaren Regeln und Grenzen und Anforderungen, die dem Stand ihrer Entwicklung entsprächen. Nicht Schonung der Frauen sei der Weg sondern maximale Konfrontation mit der Realität.
Psychiatrische Erkrankungen während der Perinatalzeit wäre das Thema von Frau Dr. Wiebke Baller aus dem St. Joseph-Krankenhaus Weißensee gewesen, musste aber leider krankheitsbedingt ausfallen.
Hier können Sie sich den Vortrag Mütter und ihre Kinder zwischen Schutz und Konfrontation herunterladen:
Vortrag: Zwischen Schutz und Konfrontation (369.1kb)

Im folgenden Vortrag über Kinder psychisch erkrankter Eltern aus der Sicht des Jugendamtes betonte Karl Wahlen (Leiter des Jugendamts Neukölln, Psychologe und Erziehungsberater) die tragische Dimension der Arbeit mit psychisch kranken Eltern und ihren Kindern. Das Dilemma, dass eine unsichere Eltern-Kind-Bindung wie auch das traumatische Erlebnis der Trennung die psychische Entwicklung des Kindes belastet, ließe sich nicht auflösen und führe zu unverdientem Leiden. Die Erwartungen an das Jugendamt, welches es im Übrigen so gar nicht gäbe, da es sich in die unterschiedlichen Fachdienste mit unterschiedlichen Aufgaben aufgliedere, seien sehr widersprüchlich. Er zitierte aus Zeitungsartikeln, einem Gerichtsurteil und der UN-Kinderrechtskonvention, in denen die zum Teil gegensätzlichen Standpunkte und Kritikpunkte an den Interventionen darstellen. Eine Schwierigkeit, dem erhöhten Gefährdungsrisiko zu begegnen, liege in der strukturellen Ambivalenz der Regulationsfunktionen: auf der einen Seite ein staatliches Wächteramt mit der Aufgabe, Kontrolle auszuüben, und auf der anderen Seite das Angebot von Hilfeleistung. Herr Wahlen wandte sich gegen Versuche, aus ökonomischen Zwängen heraus kurzfristige „Strohfeuer“ einzusetzen. Aus seiner Sicht kosten wirksame Hilfen Geld, können dafür aber auch hilfreiche Veränderungen bewirken.
Hier können Sie sich eine Übersicht des Vortrages - Kinder psychisch erkrankter Eltern – aus der Sicht des Jugendamtes - herunterladen:
Kinder psychisch erkrankter Eltern – aus der Sicht des Jugendamtes (300.6kb)


Erika Hohm, Diplompsychologin am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden, Wiesloch, Mutter-Kind-Station 43 stellte das dort praktizierte Interaktionale Therapieprogramm vor, das über einen Zeitraum von sechs Monaten läuft. Ziele dieses Programms sind emotionale Entlastung, Verbesserung der Symptomatik, Stressmanagement/Rezidivprophylaxe, Akzeptanz der Mutterrolle, Stabilisierung der Mutter-Kind-Beziehung und Förderung der mütterlichen Kompetenzen. Falls die Defizite nicht aufzufangen sind, werden Unterstützungsangebote geplant oder die Trennung begleitet. Mit Forschungsergebnissen und statistischen Zahlen belegte sie die Behandlungseffekte und die Wirksamkeit dieses Therapieprogramms, Filmsequenzen zeigten den Unterschied im Kontakt von Mutter und Kind zu Beginn und nach erfolgreich durchlaufenem Programm deutlich. Generell sei zu sagen, dass Frauen in der Postpartalzeit (nach der Entbindung) für ein breites Spektrum psychiatrischer Krankheitsbilder anfällig seien und dass sich die postpartalen psychischen Störungen in Symptomatik und Verlauf nicht unterscheiden von Störungen in anderen Lebensphasen.
Hier können Sie sich eine Übersicht des Vortrags - Was brauchen Mütter mit psychischen Erkrankungen, um kompetente Mütter zu werden? - herunterladen:
Was brauchen Mütter mit psychischen Erkrankungen, um kompetente Mütter zu werden? (644.8kb)


Am Nachmittag fanden Workshops zu fünf verschiedenen Themen statt, darunter. ein Workshop mit Frauen (‚Expertinnen’), die aktuell oder in der Vergangenheit im Mutter-Kind-Projekt leben bzw. gelebt haben.
Das waren die Workshops
1
Ressourcen der Mütter
Vermittlung von Erziehungskompetenz im betreuten Alltag
Dr. C. Hornstein, E. Rave2
Expertinnengespräch
Betroffene Mütter sprechen über ihre Erfahrungen
M. Engelmann3
Voneinander getrennt, vom Hilfesystem verlassen
Perspektiven für Eltern und Kind im Falle einer Trennung
U. Meybohm, Füchte4
Flexible Behandlungskonzepte und Strategien im betreuten Alltag
Therapie und Pädagogik anhand von Fallbeispielen
S. Grebe, C. Kertzscher5
Zerrissen zwischen zwei Perspektiven
Was für Kompetenzen braucht ein Team um Kindes- und Elternwohl zu balancieren
S. Buck-Horstkotte
Bei Kaffee, Kuchen und Musik gab es abschließend Gelegenheit zu Kontaktaufnahme und Informationsaustausch.
Wir freuen uns besonders, dass der Fachtag so gut besucht war und die Resonanz ganz überwiegend sehr positiv ausfiel. Weitere Fachtage zu anderen Themen aus dem psychiatrischen Bereich sind geplant.
Photos vom Fachtag © Gerhard Ludwig
